KZ-Gedenkstätten auf dem Wege zur medialen Präsentation historischer Orte
Das Heft 6 der Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland versteht sich als eine "Bestandsaufnahme zur Geschichte der Gedenkstätten nach 1945" (7). Der einleitende Beitrag von Olaf Mussmann: Die Gestaltung von Gedenkstätten im historischen Wandel (14-33) stellt mit einer Periodisierung der Gedenkstättenentwicklung nach 1945 und der Charakterisierung von bei aller Gegensätzlichkeit der Leitbilder zweier deutscher Staaten gemeinsamen Merkmalen ihrer Gestaltungsprinzipien "einen breiteren Interpretationsrahmen" (8) bereit, in dem drei monografische Einzelbeiträge zu den KZ-Gedenkstätten Neuengamme, Ravensbrück und Bergen-Belsen als Fallbeispiele herangezogen werden.
Der zweite Schwerpunkt des Heftes befasst sich in zwei Beiträgen mit den Vor- und Nachteilen wie den bisherigen Defiziten aktueller medialer Präsentationsformen und in einem den Hauptteil abschließenden dritten mit Fragen der Rezeption einer Wanderausstellung zu Jugendkonzentrationslagern.
Es folgen ein Dokumentationsteil und aktuelle Meldungen zu Gedenkstätten, Initiativen, didaktischen Konzepten, Forschungsprojekten und Tagungen. Besprechungen von Büchern und CD-ROMs, umfangreiche Hinweise auf neuere Literatur und Abstracts zum Hauptteil runden das Heft ab, das somit als Standardwerk für die professionelle Beschäftigung mit KZ-Gedenkstätten wie als Leitfaden für ihre realen und, soweit bisher möglich, virtuellen Besucher gelten kann.
Nachdem die Konzentrationslager unmittelbar nach der Befreiung zunächst als provisorische Krankenhäuser, als Basis für Repatriierungen, Internierungslager für NS-Verbrecher und als Flüchtlingslager gedient hatten und dann in der Mehrzahl demontiert, umgenutzt und überbaut wurden oder sich in verwilderte Siedlungsbrachen verwandelten, bildete sich im Gegenzug zur Haltung der meisten Deutschen, deren Aufmerksamkeit zunächst einmal ihrer Selbstwahrnehmung als Opfer galt, schon sehr früh eine Tendenz heraus, "welche auf das Mahnen, Gedenken und Erinnern abzielte".
Deren "Gestaltungparadigmen" verliefen nicht nach einem einheitlichen Muster. Dennoch gab es vereinheitlichende Konjunkturen, die "sich schematisch in drei Phasen ordnen" lassen: In einer ersten von 1945 bis zum Ende der fünfziger Jahre reichenden Phase, "in der in erster Linie die Überlebenden selbst und die
alliierten Militärbehörden die Gedenkstätteneinrichtungen vorantrieben, konzentrieren sich die gestalterischen Aktivitäten auf Grab- und Denkmale sowie auf die Gestaltung der Friedhöfe"; es sind naturparkähnliche "elysische Landschaften", die die Opfer entindividualisieren und erst recht die Täter nicht beim Namen nennen.
In der zweiten Phase, von etwa 1960 bis in die achtziger Jahre, gründeten beide deutsche Staaten monumentale Gedenkstätten, die "ideologisch motivierte Geschichtsinterpretationen für die jeweilige Erinnerungspolitik vorgaben" - in der DDR den "staatlichen Gründungsmythos" des aus dem antifaschistischen
Kampf erstandenen "ersten sozialistischen Staats auf deutschem Boden", in der BRD die traditionelle christliche Friedhofsgestaltung, die "eine weitgehende ‚Christianisierung' der bundesdeutschen KZ-Gedenkstätten" bewirkte.
Das Ende des Kalten Krieges hat nun, so Mussmann, "den Weg für eine offenere Gedenkstättenarbeit freigemacht". Inzwischen bemühe sich die überwiegende Mehrheit der gesamtdeutschen Gedenkstätten "um eine kritische Geschichtsvermittlung im Rahmen einer didaktisch eingebetteten, historisch- politischen Bildungsarbeit", und viele bieten "dazu qualifizierte zeithistorische Museen" an. Gleichwohl sei immer noch strittig, "welche Ausdrucksformen zur Darstellung der Schrecken in den Konzentrationslagern und des millionenfachen Sterbens geeignet sein könnten".
Der Wandel der Präsentationsformen historischer Museen "durch die interaktiven Möglichkeiten der Computer und der Multimedia" wirkt sich zunehmend auch auf die "Paradigmen der Museumsgestaltung" in den Gedenkstätten aus. Diese Möglichkeiten und die durch Multimedia und Internet veränderten Rezeptionsgewohnheiten zumal der Jugendlichen aber kollidieren mit dem "sinnlichen Erleben" authentischer Exponate und Orte, auf das Gedenkstättenmuseen heute in der Reaktion auf die pädagogisierenden Ansätze der 60er und 70er Jahre setzen.
Mit den Gefahren, die Nutzer der Neuen Medien von den historischen Orten abzukoppeln und den "auratischen Ort" durch mediale Inszenierungen der NS-Verfolgunsgeschichte zu ersetzen, beschäftigt sich der Beitrag von
Dietmar Sedlaczek: Zum Einsatz von Neuen Medien in Gedenkstätten (97-105). Den Gefahren setzt er die Chancen entgegen, die durch audiovisuelle und interaktive Medien für die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen wie für die Kontextualisierung eigener Erfahrungen eröffnet wurden.
Die durch Multimedia und Internet veränderten Rezeptionsgewohnheiten zumal der Jugendlichen kollidieren mit dem "sinnlichen Erleben" authentischer Exponate und Orte, auf das Gedenkstättenmuseen heute in der Reaktion auf die pädagogisierenden Ansätze der 60er und 70er Jahre setzen.

Ein wenig zu kurz kommen hier indessen Überlegungen zu gegenläufigen, nämlich verfremdenden und damit Erfahrung verdichtenden Effekten, die mit den Gestaltungsmitteln des Internets zu erzielen sind. So bestätigt z.B. die Platzierung des letzten Nussbaumbildes, "Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz)" (s. Beitrag zu Nussbaum im vorliegenden Heft), auf der Seite "L'art et les camps" der von Dominique Natanson, Hochschullehrer für Geschichte, eingerichteten Homepage "mémoire juive et éducation" (gewollt oder ungewollt) Berichte über den Eindruck Überlebender, Nussbaums Bilder der Jahre 1943 bis 1944 hätten nur nach KZ-Erfahrungen gemalt sein können. Das aber käme nicht unbedingt der Authentizität des Orts zugute, wohl aber einer verdichteten Erfahrung mit dem Bild - wie überhaupt Sedlaczek mit seiner Rede von der "Aura eines Ort", die - gewiss - "ein zweifelhafter Informant" sei, den Benjaminschen Begriff der "Aura" eher auf die Authentizität des Orts als (wie Benjamin) auf die der Erfahrung mit Bildern von Ereignissen und deren spezifischen Orten zu beziehen scheint.
Andreas Pflock listet in seinem Beitrag: Gedenkstätten präsentieren sich im Internet - Möglichkeiten und Perspektiven (106-115) mit professionellem Scharfblick Vorzüge und Mängel bereits existierender Gedenkstätten-Homepages (mit Angabe der Webadressen) auf, nicht um darüber zu räsonieren, sondern um den Nöten der großenteils nicht professionellen, aber hochengagierten Macher abzuhelfen. Er selbst ist Internetbeauftragter des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW e.V., der in einem von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen finanzierten ersten Pilotprojekt einer Internetpräsentation aller Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren des Bundeslandes eine gemeinsame Kommunikationspattform auch für "kleinere", d.h. weniger finanzstarke Gedenkstätten schaffen soll. So kann Pflocks Beitrag nicht nur als strenges Urteil über selbst- und unverschuldete Versäumnisse und Unzulänglichkeiten medialer Gedenkstättenarbeit, sondern vor allem auch als Ratgeber für deren Verbesserung gelesen werden.

KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Museale und mediale Repräsentationen in KZ-Gedenkstätten (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 6), Bremen: Edition Temmen, 2001

Reinhard Schweicher


Kunst im KZ Flossenbürg  
Im April 1995, zum 50. Jahrestag der Befreiung, präsentierte die Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg erstmals die Ausstellung "Erinnerung - Werke ehemaliger Gefangener aus dem KZ Flossenbürg und junger deutscher Künstler". Sie war das Ergebnis einer Spurensuche nach in Flossenbürg oder seinen Außenkommandos inhaftierten Malern, deren Werke verschollen oder vergessen waren. 16 Maler und eine Malerin (Helga Hosková-Weissová, die über die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz in das Flossenbürger Frauen-Außenkommando Freiberg kam) konnten inzwischen entdeckt werden. Der 2001 neu herausgegeben Katalog stellt im ersten Teil jene Künstler vor, deren Werke in der Ausstellung gezeigt werden, im zweiten Teil jene, zu denen es bis jetzt nur wenige Hinweise gibt.
Zeichnen und Malen im KZ Flossenbürg: Das war zum einen das Kommando "Malstube", d.h. Auftragsarbeiten für die SS. Über Frantisek Michl (1901-1977), dem damals bekanntesten tschechischen Maler, berichtet sein Freund Milos Volf: "Er besaß als Künstler einen ausgezeichneten Ruf und hatte schon eine Reihe von Ausstellungen hinter sich. Die Nazis wussten das und zwangen ihn, im KZ quasi wie am Fließband zu malen." Volf selbst kam als knapp 20-Jähriger nach Flossenbürg; nach kräftezehrender Arbeit im Steinbruch und in
der Flugzeugproduktion verschaffte ihm die tschechische Untergrundorganisation im Lager eine etwas leichtere Arbeit in der Schreibstube. Mitgefangene entdeckten sein Zeichentalent und bestellten "Gratulanskis", Glückwünschkarten, die z.B. dem Küchenältesten geschenkt wurden, in der Hoffnung, zusätzlich Essen zu bekommen. Volf konnte auch einige Zeichnungen für sich machen, die er unter der Matraze versteckte. Drei dieser Zeichnungen blieben erhalten, weil Volf sie mitnahm, als er am 20. April 1945 auf den Todesmarsch getrieben wurde. Von Venzel Navratil blieb ein kleines Notizbuch erhalten, in dem sich 48 Bleistiftskizzen finden. Das Skizzenbuch und den Bleistift hatte er von einem Vorarbeiter in der Halle 2004 II, wo er in der Flugzeugproduktion zwangsarbeiten musste, geschenkt bekommen. Dieser nahm das Büchlein abends mit nach Hause und brachte es morgens wieder zur Arbeit mit. Als Dank fertigte Navratil Zeichnungen von Familienangehörigen nach Fotografien und erhielt dafür etwas zum Essen.
Zahlreiche Zeichnungen und Bilder sind unmittelbar nach der Befreiung oder auch in späteren Jahren entstanden: Kunst als Überlebensmittel der Überlebenden. Zu nennen ist hier der Zyklus "Konzentrationslager" von Ota Matousek (1890-1977), entstanden 1945/1946, die 34 Zeichnungen des Österreichers Hugo Walleitner, mit denen dieser seine 1946 im Selbstverlag erschienenen Erinnerungen "Zebra - Ein Tatsachenbericht aus dem KZ Flossenbürg" illustrierte, die noch im April/Mai 1945 gefertigten Zeichnungen des belgischen Widerstandskämpfers Fernand van Horen (geb. 1909) sowie der graphische Zyklus "Passion des XX. Jahrhunderts" von Richard Grune (1903-1983). Grune, gelernter Grafiker aus Flensburg, hatte eine Ausbildung am Bauhaus absolviert und sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik in der sozialistischen Jugendbewegung engagiert. 1934 wurde er verhaftet; er durchlief das KZ Lichtenburg, das Gefängnis Neumünster, das KZ Sachsenhausen und schließlich das KZ Flossenbürg. Unmittelbar nach seiner Heimkehr schuf er mit der "Passion" eines der wichtigsten künstlerischen Zeugnisse der Vernichtungsmaschinerie in
den Konzentrationslagern. Einige Lithografien stellte er Walter Poller für dessen 1945 in Hamburg erschienenen Bericht "Arztschreiber in Buchenwald" zur Verfügung. Vor allem aber wollte er das deutsche Publikum erreichen;
doch bereits die erste Ausstellung in Kiel wurde überfallen, die Grafiken zerstört. Bruno Furch (1913-2000) aus Wien war Autodidakt und zeichnete und malte sein Leben lang.
1945/1946 entstanden seine ersten Tuschezeichnungen, in den 1970er Jahren waren es Aquarelle, mit denen er das Geschehen im spanischen Bürgerkrieg, wo er bei den Internationalen Brigaden kämpfte, im KZ Dachau und im KZ Flossenbürg zu verarbeiten versuchte. Die Flossenbürg betreffenden Bilder schenkte er als sein Vermächtnis der Ausstellung "Erinnerung". Isaac Celnikier (geb. 1923), ein polnischer Jude, der Stutthof, Auschwitz, Sachsenhausen und zuletzt Flossenbürg überlebte und seit 1957 in Paris wohnt, studierte nach
der Befreiung Malerei; in den 1970er Jahren begann er, sich künstlerisch mit der Shoa auseinander zu setzen und schuf den Zyklus "La mémoire gravée":
"Wenn ich an die visuellen, sensuellen und persönlichen Erfahrungen der Shoa, wie ich sie erlebt habe, denke, so ist dies eine sehr schmerzhafte, aber doch notwendige Erfahrung. Ich bin doch immerhin in der Lage, durch
die Bilder die mir am nächsten stehenden Menschen, die ich verloren habe, zu rekonstruieren und wieder zum Leben zu erwecken. Das ist eine Erfahrung, die keine Grenzen kennt, sie hebt meine Lähmung auf."
Zu nennen sind in diesem Kontext auch die in den 1980er Jahren entstandenen Gemälde von Michael Smuss (geb. 1926), einem der wenigen Überlebenden des Warschauer Gettoaufstandes, heute in Israel lebend, und von Karl Stojka (geb. 1931), einem Rom aus dem Burgenland, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau,
das KZ Buchenwald und schließlich Flossenbürg überlebte.
Das Projekt "Maler aus dem KZ Flossenbürg" ist noch nicht abgeschlossen. Das Kapitel "Vergessene Künstler - Verschollene Bilder" enthält einige konkrete Spuren und die Bitte um weitere Hinweise und Dokumente. Dieser soll Folge geleistet werden: Zu Hermann Peters (1900-1986), der im Kommando "Malstube" eingesetzt war, hat Wolfgang Janz in den informationen Nr. 54 eine biografische Skizze geschrieben. Der ebenfalls in die "Malstube" abkommandierte "Christel Albert Sch.Hftlg. Nr. 1912 geb. 26.6.1907" hat die Konzentrationslager Sachsenhausen und Flossenbürg überlebt, seine Erinnerungen, die allerdings mit der Überstellung nach Flossenbürg enden, erschienen 1987, zehn Jahre nach seinem Selbstmord, unter dem Titel "Apokalypse unserer Tage. Erinnerungen an das KZ Sachsenhausen". Manfred Ruppel, einer der Herausgeber, schreibt in einem Porträt über Albert Christel: "Von der SS-Mannschaft gefordert, muss er Gedichte für die SS schreiben und reimt in ihrem Auftrag Sagen und Geschichten von Flossenbürgern. Mit einem Kameraden, dem Maler Richard Grune, stellt er Kinderbücher her."
Zur Ausstellung "Erinnerung" gehören auch Werke von Künstlern, die sich mit dem historischen Ort und mit den Formen des Gedenkens auseinander setzen - so Arbeiten von Theo Scherling (geb. 1950) und Tom Gefken (geb. 1960). Nach den Vorstellungen der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg sollen sowohl die von ehemaligen Häftlingen geschaffenen Kunstwerke als auch die künstlerische Auseinandersetzung Bestandteil einer neuen Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg werden.

Hans Simon-Pelanda: Kunst und KZ. Künstler im Konzentrationslager Flossenbürg und in den Außenlagern. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg e.V. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2001

Interessenten an der Ausstellung "Erinnerung" wenden sich an: Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ
Flossenbürg e.V., Rote-Hahnen-Gasse 6, 93047 Regensburg.

Ursula Krause-Schmitt


Dem Vergessen entrissen: Die Künstlerin Helen Ernst
Helen Ernst zählte zu den begabtesten Malerinnen des "Bundes Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands". In der Zeit des Hitlerfaschismus gehörte sie zu den Ausgestoßenen und Verfolgten. Nach 1945 blieb sie weitgehend unverstanden und wurde fast erneut vergessen. Es ist das große Verdienst von Hans Hübner, dies verhindert zu haben.
Helen Ernst wurde nur 44 Jahre alt. Sie ist am 26. März 1948 völlig vereinsamt im Schweriner Krankenhaus Sachsenberg gestorben. Das Buch enthält eine warmherzige Schilderung ihres Lebens. Der Autor hat es sich bei seinen mehr als 15 Jahre umfassenden Nachforschungen nicht leicht gemacht. Er ist Widersprüchlichem nicht ausgewichen, sondern hat auf Klärung gedrängt. So entstand keine gewöhnliche Biografie. Mit viel Umsicht wurden die außerordentlich verstreut vorhandenen Quellen, u.a. in Deutschland, den Niederlanden und in der Schweiz, gesammelt. Zahlreiche Zeitzeugen fanden Gehör. Der Text enthält viel Autobiografisches, Auszüge aus Briefen, Tagebüchern und anderen persönlichen Quellen. Mühsam war es auch, das vorher nirgends gesammelte künstlerische Werk von Helen Ernst aufzuspüren. Im Buch sind 90 ihrer Arbeiten wiedergegeben sowie 54 Fotos und Faksimile von Dokumenten. Zum Kampf gegen den Faschismus und den Terror der NS-Diktatur gegen Andersdenkende bietet das Werk viel Interessantes.
Mit 20 Jahren hatte Helen Ernst ihre Ausbildung an der Kunstschule Berlin abgeschlossen. Seit 1924 arbeitete sie als Zeichenlehrerin. Bald kamen Aufgaben als Mode- und Kostümzeichnerin hinzu. Bereits Ende der 1920er Jahre war ihr Name als Pressezeichnerin bekannt. In Berlin lernte sie u.a. John Heartfield, Otto Nagel und Heinrich Vogeler kennen. Zu ihrem Vorbild wurde Käthe Kollwitz. 1931 fand Helen Ernst Aufnahme in den "Bund Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands". Im gleichen Jahr schloss sie sich der KPD an. Besonders
engagierte sie sich in der Erwerbslosenbewegung.
Da sie als leidenschaftliche Kritikerin des Hitlerfaschismus bekannt war, gehörte sie im März 1933 zu den ersten Frauen, die in Berlin von den Nazis verhaftet wurden. Mehrere Monate blieb Helen Ernst gefangen. Von September 1934 bis Dezember 1940 fand die Künstlerin Aufnahme im niederländischen Exil. Diese Jahre zählen zu den wichtigsten in ihrem Leben. Sie hatte sechs große Ausstellungen in Amsterdam und Utrecht. Besonders engagierte sie sich im Kampf gegen Krieg und Faschismus. Drei Bereiche seien besonders hervorgehoben: die Arbeit als Pressezeichnerin für die Illustrierte "Vrijheid, Arbeid, Brood" und für die Zeitung "Rusland van heden". In dieser Zeitung erschienen allein zwischen 1936 und 1938 rund 650 Illustrationen von ihr. 1935 kam das von ihr und Eva Raedt-de Canter verfasste und illustrierte Buch "Vrouwengevangenis" heraus. Im Mittelpunkt standen Helen Ernsts Erlebnis se in Nazigefängnissen in Berlin und Kiel.
Mit zehn Arbeiten beteiligte sich die Künstlerin an der in Amsterdam veranstalteten großen Kunstausstellung "Die Olympiade unter der Diktatur". Dies war die Antwort auf die Durchführung der XI. Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin und Kiel. Einige Monate nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande wurde Helen Ernst aufgrund einer Denunziation am 6. Dezember 1940 verhaftet. Vom 12. April 1941 bis September 1944 war sie Häftling im KZ Ravensbrück. Bis Ende April 1945 musste sie im KZ-Außenkommando Barth Zwangsarbeit leisten. Vier Jahre KZ haben im Leben dieser außerordentlich sensiblen Frau tiefe Spuren und Verletzungen hinterlassen. Ihre Zeichnungen aus Ravensbrück künden davon.
Nach dem Ende von Nazi-Diktatur und Krieg hoffte sie auf einen Neuanfang. Sie fand nicht mehr die Kraft, Unverständnis und unbegründete Denunziationen zu ertragen. Wenige Wochen nach der Rehabilitierung durch ein Schweriner SED-Parteischiedsgericht starb sie an den Folgen einer Tuberkulose.

Hans Hübner: Helen Ernst. Ein zerbrechliches Menschenkind (1904-1948). Eine Biographie. Berlin: trafo verlag, 2002.

Karl Heinz Jahnke


Psychiatrie in Marburg/Lahn
Der in der Historischen Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen erschienene Sammelband zur Psychiatrie in Marburg umspannt den Zeitraum von 1876 (Eröffnung der Landesheilanstalt Marburg) bis in die 1990er Jahre (Zentrum für Soziale Psychiatrie Marburg-Süd). Mit der Psychiatrie in der NS-Zeit befassen sich fünf Beiträge. Georg Lilienthal legt eine Bilanz der "Euthanasie"-Opfer aus der Landesheilanstalt vor: Noch vor dem Beginn der "Aktion T4" (1940) lag die Sterblichkeit in Marburg deutlich höher als in den beiden anderen hessischen Landesheilanstalten Haina und Merxhausen; Ursachen waren "gravierende Ernährungsmängel". Die erste "Aktion T4" sollte 18 jüdische Patient/innen erfassen; von diesen hatte jedoch über die Hälfte bereits die Anstalt verlassen, als der Abtransport erfolgte. Acht Kranke wurden über die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht und ermordet. 1941 wurden 237 Kranke (von 340 Patienten, deren Namen auf den "Gekrat"-Listen standen) in die "Zwischenanstalten" Scheuern, Weilmünster, Eichberg und Herborn verlegt; von ihnen wurden 234 zum größten Teil in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Eine Tabelle listet die Gründe auf, mit denen die Anstaltsleitung Patienten vom Abtransport zurückbehielt: bei 43 Patienten (12,6%) waren es "gute Arbeitsleistung", 33 Personen (9,7%) waren beim Eintreffen der "Gekrat"-Busse bereits verstorben. In der zweiten Phase der "Euthanasie"-Morde, in der mit Hungerkost und Überdosierung von Medikamenten getötet wurde, zählte die "gute Arbeitsleistung" zum stärksten Kriterium des Überlebens. Innerhalb der Landesheilanstalt bestand eine Lazarettabteilung der Wehrmacht (Wehrkreisverwaltung IX Kassel), die im August 1941 über 385 Betten verfügte (September 1942: 535 Betten). Roland Müller beschreibt, wie zivile Patienten immer mehr dem Lazarett weichen mussten, viele davon im Rahmen der "T4-Aktion". Trotz schwieriger Quellenlage errechnet er eine Gesamtbelegung mit mindestens 5036 Wehrmachtsangehörigen, von denen 3874 wegen Neurosen und 1162 wegen "Geisteskrankheiten inklusive Schwachsinn" behandelt wurden. Behandlungsmethoden waren eine sogenannte "Arbeitstherapie", die oftmals aus Akkordarbeit (im Rahmen der mit Firmen abgeschlossenen Verträgen) bestand, das Verabreichen von Krampfmitteln und Elektroschocks. 1940 gab die Landesheilanstalt das Männerhaus V zur Unterbringung von Kriegsgefangenen ab, die bei der Dynamit AG Allendorf im Einsatz waren. Fritz Brinkmann-Frisch beschreibt die vertraglichen Grundlagen sowie die Arbeit der Kriegsgefangenen, die den sogenannten Langen Kanal zur Entsorgung hochgiftiger Abwässer aus der Sprengstoffproduktion bauen mussten. Die Landesheilanstalt sowohl als Arbeitsort als auch als Behandlungsort von Zwangsarbeiter/innen dokumentiert Wolfgang Form. Einige "Ostarbeiterinnen" mussten in der Wäscherei arbeiten; bei der Stadtverwaltung entlieh sich die Anstalt im August 1944 auch einige italienische Militärinternierte aus dem kommunalen Lager Schwangasse. Von 1940 bis 1945 wurden 85 Zwangsarbeiter/innen in der Landesheilanstalt behandelt, von ihnen stammten 30 aus Polen, 25 aus der Sowjetunion und 15 aus Frankreich. Einweisungsgründe waren "Schizophrenie" (40 Personen), verschiedenen Formen von Depressionen (13 Personen) und bei 19 Personen nicht klar zuzuordnende Symptome. Neun Zwangsarbeiter/innen starben in der Anstalt, 17 wurden zwischen Juni und September 1944 in die "Sammelanstalt für geisteskranke ‚Ostarbeiter'" in Hadamar verlegt. Der Beitrag von Jürgen Pfeiffer befasst sich mit den institutionellen und personellen Nachkriegskontinuitäten in der Marburger Psychiatrie.

Peter Sandner, Gerhard Aumüller, Christina Vanja (Hg.): Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg an der Lahn. Marburg: Jonas-Verl., 2001.

Ursula Krause-Schmitt


System der Willkür
Auf den ersten Blick scheint das Buch lediglich einen lokalen Aspekt eines Stücks deutscher Geschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts wieder zu geben. Bei der Lektüre wird jedoch deutlich, dass die getroffenen Aussagen in ihrer allgemeinen Gültigkeit durchaus übertragbar sind. Das Buch ist die erste Veröffentlichung des Museums und Besucherbergwerks Rammelsberg in Goslar, das inzwischen zum Weltkulturerbe gehört. Im ersten Kapitel "Anpassung und Ausgrenzung" beschreibt Bernhild Vögel die Repressionen, mit denen die deutsche Belegschaft des Erzbergwerks, vor 1933 überwiegend sozialdemokratisch eingestellt oder in der christlichen Gewerkschaftsbewegung organisiert, zunehmend diszipliniert wurde. Entlassungen und willkürliche Verhaftungen spielten dabei ebenso eine Rolle wie die entweder auf Druck oder freiwillig erbrachten Anpassungsleistungen an die "Betriebsgemeinschaft". Im Rammelsberg gab es keine "Tradition des Widerstandes". "Disziplinlosigkeit" und "Arbeitsbummelei" wurden in der letzte Kriegsphase zunehmend bei jugendlichen Bergleuten registriert und mit der Einweisung in "Arbeitserziehungslager für Jugendliche" geahndet. Im zweiten Kapitel "Arbeit unter Zwang" berichtet Bernhild Vögel über die Disziplinierung der "Ostarbeiter". Die ersten 75 Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion wurden im September 1942 registriert; ihnen standen 66 deutsche "Aufsichtspersonen - vom Obersteiger bis zum einfachen Arbeiter" - gegenüber. Die Bestrafungsbefugnisse des Werkschutzes reichten von "Ordnungsübungen", "Strafarbeit", bei der der Einsatz von Gummiknüppeln ausdrücklich erlaubt war, über die lebensbedrohende Entziehung der warmen Mahlzeit bis zu dreitägigen Arreststrafen "bei Wasser und Brot". Bei Flucht und Fluchtverdacht drohte die sofortige Erschießung. Aus dem Rammelsberg sind 20 Einweisungen von "Ostarbeitern" in das "Arbeitserziehungslager" Watenstedt dokumentiert: "Arbeitsbummelei", Lebensmitteldiebstähle im Werks- und Lagerbereich, Verstöße gegen die Lagerordnung und "deutschfeindliche" Äußerungen waren die üblichen Einweisungsgründe. Das Schicksal von Konrad Rinkowski beschreiben Harry Stein und Bernhild Vögel im Kapitel "Menschlichkeit als Verbrechen". Rinkowski, vor 1933 Mitglied der KPD, wurde im Mai 1938 als Hilfsarbeiter am Rammelsberg eingestellt. Im Oktober 1941 bot er einigen "Ostarbeitern" demonstrativ Tabak an. Dies meldeten deutsche Kollegen dem Vorarbeiter. Rinkowski wurde am 11. Februar 1942 vom Sondergericht Braunschweig zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt und nach dem Ende der Haft zunächst nach Watenstedt und vierzehn Tage später in das KZ Buchenwald eingewiesen. Er überlebte die Zwangsarbeit in den Außenkommandos "Messelager" in Köln, bei der Brabag in Leipzig, im Reichsbahnausbesserungswerk Jena und schließlich den Todesmarsch in Richtung Tschechien. Nach seiner Heimkehr begann er wieder am Rammelsberg zu arbeiten und litt zunehmend an Depressionen. Im Juli 1946 nahm er sich das Leben. Bemerkenswert an dieser biografischen Skizze ist, dass die Autoren auch das "Netz der Bürokratie" beschreiben, in das Rinkowskis Witwe geriet, als sie sich um eine Hinterbliebenenrente bemühte. Rolf Keller widmet sich im Kapitel "Zwangsarbeit in Uniform" dem Schicksal italienischer Militärinternierter, die nach der Gefangennahme am 9. Oktober 1943 im Stalag XI B Fallingbostel eintrafen. Eine Gruppe wurde im März 1944 dem Arbeitskommando 6220 Goslar-Rammelsberg zu geteilt; keiner der 137 Männer hatte Bergbauerfahrung. Die konkrete Beschreibung dieses Kommandos ist die Beschreibung von Hunger, Demütigung, miserabler Unterkunft und mangelnder medizinischer Versorgung, an der sich kaum etwas änderte, als die Militärinternierten im September 1944 den Status von "Zivilarbeitern" erhielten.
Dem Buchenwalder Außenkommando Goslar ist das von Harry Stein verfasste Kapitel "KZ an der Landstraße" gewidmet, das im November 1940 an der Grauhöfer Landwehr eröffnet wurde. Stein ordnet dieses erste "Fernkommando", bei dem Buchenwald-Häftlinge an zeitlich begrenzten Bauprojekten der SS auf dem Fliegerhorst arbeiten mussten, als "Versuchsprojekt" ein, in dem vor allem zwei Häftlingsgruppen - Sinti und Roma sowie Polen - ausgebeutet wurden. Die erste Phase endet mit der Rücküberstellung von 135 KZ- Gefangenen im Dezember 1941 nach Buchenwald. Über die zweite (Mai bis Oktober 1942) und dritte (Oktober bis Dezember 1942) Phase ist kaum etwas bekannt. Dietrich Kuessner berichtet über das Sondergericht Braunschweig, seine Urteile in Fällen von "Heimtücke" und vor allem die härtere Bestrafung von "Ausländern".
Kamen die Ausländer aus dem europäischen Osten, hatten sie so gut wie keine Chance auf eine milde Behandlung. Die Hinrichtungen erfolgten im Zuchthaus Wolfenbüttel, wo es inzwischen eine Gedenkstätte gibt. Im Kapitel "Disziplinierung der Arbeitswelt" beschreibt Gerhard Wysocki detailliert die Funktion der "Arbeitserziehungshaft" am Beispiel des "Lagers 21" in Watenstedt, das mindestens 30000 Männer und Frauen erleiden mussten. Bisher konnten 932 Opfer namentlich ermittelt werden. Die Gesamtzahl der Toten muss
wesentlich höher liegen, da Hunderte von Gräbern auf den Friedhöfen Westerholz und Jammertal namenlos sind. Auch dieser Beitrag wirft einen Blick auf die Entschädigungspraxis der frühen Bundesrepublik, in der das von den Nationalsozialisten propagierte Arbeitsverhalten noch immer als Norm akzeptiert wurde.

Bernhild Vögel (Hg.): "System der Willkür". Betriebliche Repressionen und nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region Braunschweig. Goslar: Verlag Goslarsche Zeitung, 2002 (Rammelsberger Forum, Band 1).

Wolfgang Janz


Wuppertaler Widerstand
Die Forschungsgruppe "Wuppertaler Widerstand - Verein zur Erforschung der Sozialen Bewegungen im Wuppertal" legt mit ihrer neuen Veröffentlichung eine Dokumentation der gerichtlichen Verfolgung des antifaschistischen Widerstandes in Wuppertal vor. Grundlage für die Recherchen waren Personen aus den Wuppertal betreffenden Akten des Oberlandesgerichts Hamm und des "Volksgerichtshofs", die in einer Datenbank erfasst wurden. Das Hauptaugenmerk galt der Erfassung und Auswertung der aktenkundigen Fälle von "Vorbereitung zum Hochverrat", "Feindbegünstigung", "Wehrkraftzersetzung" und "Vergehen gegen das Heimtückegesetz". Diese werden in einem gemeinsamen Personenregister erfasst. Zusätzlich herangezogen wurden Akten des Sondergerichts Düsseldorf ("Heimtückevergehen", "Sprengstoffdelikte" und "Verächtlichmachung von Regierung und NSDAP" sowie "Bibelforscher") und der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Wuppertal, wenn der Tatvorwurf auf eine "aktive Widerstandstätigkeit" hindeutete. Ergänzend wurden die meist vor dem Jugendgericht verhandelten Verfahren wegen "Verstoß gegen das Verbot der Bündischen Jugend" aufgenommen. Diese zusätzlich erfassten Verfahren werden in eigenständigen Personenregistern erfasst.
Auf über 200 Seiten werden die Daten von 1758 Personen aufgelistet, gegen die zwischen 1933 und 1945 insgesamt 397 Verfahren durchgeführt wurden. Die Personenregister umfassen - so weit ermittelbar - die Namen (bei Geburtsjahren nach 1910 aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert) und persönlichen Daten wie Geburtstag und Beruf. Daneben werden Strafmaß, Urteilsdatum und -instanz dokumentiert. Über das Aktenzeichenregister lassen sich die Ermittlungsergebnisse und Anklagevorwürfe sowie die Zahl der Wuppertaler Prozessbeteiligten erschließen. Ergänzend wurden Archivalien der VVN/BdA Wuppertal und der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen herangezogen.
Zum besseren Verständnis werden in der Einführung die NS-Strafgesetzgebung und die ausführenden gerichtlichen Instanzen, die Bestimmungen, Erlasse, Regelungen und Verordnungen der NS-Gesetzgebung sowie die Zuständigkeiten der Gerichte kursorisch dargestellt.
In einem ersten analytischen Versuch wird aus dem Umfang der Verfahren, den Straftatvorwürfen und personellen Daten ein Sozialprofil des Wuppertaler Widerstandes erstellt. Die Oberlandesgerichts- und "Volksgerichtshof"-Verfahren betrafen zu über 90 % die Kommunistische Partei und ihre Nebenorganisationen (Kommunistischer Jugendverband, Kampfbund gegen den Faschismus, Rote Hilfe). Die übrigen Fälle betrafen die Kommunistische Partei-Opposition, Freie Arbeiter-Union Deutschlands, Sozialistische Arbeiter-Partei/Sozialistischer Jugendverband und die SPD sowie den gewerkschaftlichen Widerstand. In der Hauptsache wurden Mitarbeit und Zugehörigkeit zu diesen Organisationen bzw. deren Wiederaufbau verfolgt, meist in Verbindung mit der Anklage, Flugschriften hergestellt, eingeführt und/oder besessen zu haben.
Quellenkritisch wird angemerkt, dass es sich ausschließlich um die Akten der Verfolgungsbehörden handelt und von daher nicht die Geschichte des Widerstandes, sondern eher die Geschichte der Verfolgung beschrieben wird. Außerdem wird festgehalten, dass in der Zusammenstellung die Menschen fehlen, die sich der Verfolgung entziehen konnten oder deren Taten nicht zu einem Gerichtsfahren geführt haben, weil sie unentdeckt blieben.
Schließlich ist nur ein relativ geringer Anteil von Verfahren festgestellt worden, die Frauen betroffen haben, was nicht den Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen entspricht. Dieses Thema ist noch "erforschungs- und erklärungsbedürftig".
Mit dieser Dokumentation liegen erste Ansätze für eine weitergehende Untersuchung des Wuppertaler Widerstandes vor. Es ist eine gute Grundlage für weitere Forschungen geschaffen und es ist zu hoffen, dass bald entsprechende Ergebnisse vorgelegt werden können.

Ursula Albel, Christian Schott: Verfolgt, Angeklagt, Verurteilt. Politischer Widerstand und oppositionelles Verhalten in Wuppertal 1933-1945. Dokumentation biografischer Daten, Verfahren und Anklagen. Bocholt/Breedevoort: Achterland Verlagscompagnie, 2001 (= Verfolgung und Widerstand in Wuppertal, Band 5).

Kurt Schilde


"Ich kann nicht die heroische Trompete spielen." - Frauen in der Résistance
Die US-Amerikanerin Margaret Collins Weitz hat eine wichtige Untersuchung über Frauen in Frankreich vorgelegt, die sich dem Nationalsozialismus widersetzt haben. Die Arbeit erschien zuerst 1995 mit dem Titel "Sisters in the resistance" und dem - bei der deutschen Übersetzung weggelassenen - Untertitel "How women fought to free France 1940-1945". Der Autorin geht es darum, zu zeigen, "dass die Widerstandsarbeit von Frauen aus zahllosen simplen, wiederholten, alltäglichen Aufgaben bestand". Zu diesem Zweck hat sie schon in
den 1980er Jahren Gespräche mit Frauen geführt, die im Widerstand waren und bei denen sich häufig "Schleusen der Erinnerung" öffneten.
In den einführenden Kapiteln geht sie auf die Rahmenbedingungen der im folgenden ausführlich dargestellten Lebensgeschichten der Kämpferinnen ein: Besetzung Frankreichs ab 1940, Vichy-Regime und Organisation des
Widerstandes. In den anschließenden Kapiteln will sie zeigen, "wie unterschiedlich der Hintergrund der Beteiligten war, und in welchem großen Rahmen Französinnen Widerstandsarbeit geleistet haben". Frauen beteiligten sich an Flucht-Netzwerken, verteilten kleine - "Schmetterlinge" genannte - Zettel, die an Briefkästen oder Pfosten angebracht wurden, und engagierten sich in der Widerstandspresse. Hier wirkten sie nicht nur als Schreibkräfte, sondern auch als Redakteurinnen und Autorinnen, Setzerinnen und Druckerinnen.
Die in der Résistance aktiven Frauen waren manchmal Idealistinnen oder Außenseiterinnen und Einzelgängerinnen. Sie gehörten wie oppositionelle Männer einer Minderheit in der französischen Bevölkerung an, die gegen die Deutschen kämpfte. Es gab auch "gemeinsam im Widerstand engagierte Familien". In der Regel waren es aber junge Leute, die der Résistance angehörten, und es erscheint auffällig, dass einige der interviewten Frauen sich später als Historikerinnen mit Widerstandsforschung betätigten. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass es vielen Frauen, die im Widerstand aktiv waren, nach Kriegsende nicht gelungen ist, wieder ins "normale Leben" zurückzukehren. Sie wollten ihre neu gewonnene Unabhängigkeit nicht wieder hergeben.
Das Buch von Collins Weitz kann der historischen Geschlechterforschung zugeordnet werden. In diesem Kontext wird darauf hingewiesen, dass Frauen - anders als die meisten Männer - ihre Angst bereitwillig eingestehen können und Folterungen besser standgehalten hätten. Die Frauen in der Résistance mussten sich mit dem paternalistischen Frauenbild Frankreichs auseinandersetzen. Den Genderaspekt verdeutlichen auch die Kapitel "Krieg ist Männersache" und "Hilfsarbeiten - die ewige Berufung der Frau". Hierbei geht es u.a.
um illegale Sozialarbeiterinnen, mit deren Hilfe beispielsweise jüdische Kinder außer Landes gebracht werden konnten. Allerdings ist die Autorin mit dem Beispiel Marianne Cohn einem Irrtum aufgesessen und gibt Fehlinformationen weiter. Die Autorin beruft sich in diesem Fall auf sekundäre Recherchen und hat sie offensichtlich nicht geprüft.
Zu den schwachen Seiten des Buches gehört ein personifiziertes Geschichtsbild, wenn sie allzu häufig von "Hitlers Taten" und "Hitlers Siegen" spricht. Seine Stärke ist, dass es die Erinnerungen der "Frauen in der Résistance" überliefert und die angloamerikanische und französische Literatur verarbeitet. Auf der anderen Seite ist auffällig, dass die deutsche Publizistik zum Thema überhaupt nicht auftaucht, wie beispielsweise die Forschungen von Ingrid Strobl ("Sag nie, du gehst den letzten Weg." Frauen im bewaffneten Widerstand
gegen Faschismus und deutsche Besatzung. Frankfurt/Main 1989; oder: Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand in Europa 1939-1945. Frankfurt am Main 1998, vgl. zu letztgenanntem Titel informationen Nr. 48/1998, S. 44f.)
Es wird nicht verschwiegen, dass es innerhalb der Résistance Diskriminierung von Frauen gab und teilweise antisemitische Ansichten bestanden und dass es Kollaboration gab. Abgerundet wird der insgesamt als sehr wichtig einzuschätzende Band durch Kurzbiografien und eine Chronologie.

Margaret Collins Weitz: Frauen in der Résistance. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs. Münster: Unrast Verlag, 2002.

Kurt Schilde


Reprint: Internationale Hefte der Widerstandsbewegung
Der vollständige Nachdruck der von der "Féderation Internationale des Résistants" (FIR) zwischen 1959 und 1963 herausgegebenen "Internationalen Hefte der Widerstandsbewegung" hat nach Ansicht des Verlages - und des Rezensenten - "hohen dokumentarischen Wert". Die nun umfassend zugänglichen Texte können darüber hinaus für die Diskussion über das Selbstverständnis des Studienkreises herangezogen werden.
Die Herausgeberschaft und Redaktion der Hefte waren zugleich personell großzügig und deutlich sozialistisch-kommunistisch dominiert. Vertreten sind Albanien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Italien, Jugoslawien, Luxemburg, Österreich, Polen, Ungarn und die Sowjetunion. Die beiden Deutschlands werden repräsentiert von Anna Saefkow - der Witwe des Widerstandskämpfers Anton Saefkow - und Walter Bartel - Buchenwald-Häftling - sowie Heinz Schumann (Marx-Engels-Institut) für die DDR. Das westliche Deutschland -
genannt DBR (Deutsche Bundesrepublik) - ist mit Josef Rossaint im Herausgebergremium und Kurt Hirsch in der Redaktion vertreten. Die Hefte wollen dem internationalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus Publizität verschaffen und dementsprechend enthalten bereits die ersten beiden Ausgaben (November 1959 und März 1960) Überblicksartikel zu Forschungen zur polnischen Widerstandsbewegung oder zur "Geschichte des Befreiungskampfes der Völker Jugoslawiens". Neben auch aus heutiger Sicht weiteren informativen Beiträgen zu Österreich, der Sowjetunion, der DDR sowie zur Besetzung Dänemarks 1940 schrieb Wolfgang Abendroth zu "Forschungen über die Widerstandsbewegung in der Deutschen Bundesrepublik". Als Beilage werden Kinderzeichnungen aus Theresienstadt wiedergegeben.
Die zweite Ausgabe ist im wesentlichen der Internationalen Konferenz "Die Widerstandsbewegung und die junge Generation" gewidmet, die im November 1959 in Florenz stattfand. Mehrfach wurde dort gefordert, dass die Widerstandsbewegung im Schulunterricht berücksichtigt werden soll und kritisiert, dass an keiner europäischen Universität ein Lehrstuhl für die Geschichte des Widerstandes existiert. In späteren Heften werden weitere Konferenzen dokumentiert.
Bei der 3. und 4. Ausgabe (Juli und November 1960) steht der Widerstand in den Konzentrationslagern und die Beteiligung von Ausländern in nationalen Widerstandsbewegungen im Mittelpunkt. Daran anschließend geht es in Nr. 5 (März 1961) um die bewaffneten Aufstände in Prag, Paris, Neapel, Split, Rumänien und Warschau 1944. Der jüdische Aufstand im Warschauer Ghetto im Jahr davor wird leider nicht thematisiert. Berichtet wird außerdem über den "Freundeskreis Himmlers" und die Archive und das Museum der Ghettokämpfer in Israel.
Die beiden folgenden Nummern 6 und 7 (Juli und Dezember 1961) beschäftigen sich mit programmatischen Dokumenten - mit dem Schwerpunkt auf kommunistischen Parteien - und Studien u.a. über die Haltung der Italiener gegenüber Juden. Hingewiesen sei auf das Tagebuch einer Gefangenen von Bergen-Belsen.
Nach einer Pause von fast zwei Jahren erschien die letzte Ausgabe als Dreifachnummer 8-10 (März 1963) mit einem zusammenfassenden Überblick über den Widerstand in verschiedenen Ländern. Das Heft ist der Internationalen Konferenz "Der nationale und der internationale Charakter der Widerstandsbewegung während des Zweiten Weltkrieges" gewidmet, die im April 1962 in Warschau stattfand. Besonderes Gewicht hat diesmal der - ansonsten eher vernachlässigte - jüdische Widerstand. Es wird weder für die fast zweijährige Pause noch für die Einstellung des Erscheinens eine plausible Erklärung gegeben. Es wird lediglich gesagt, dass die Internationalen Hefte "in ihrer gegenwärtigen Form ihre Aufgabe erfüllt" hätten. Nach der Lektüre der Hefte ist festzustellen, dass der Anteil von widerständigen Frauen - von kurzen Hinweisen abgesehen - völlig vernachlässigt wird. Auch die Verfolgung von Sinti und Roma kommt allenfalls am Rande vor. Wertvoll sind die "Internationalen Hefte der Widerstandsbewegung" nicht zuletzt durch die in einigen Ausgaben veröffentlichten bibliografischen Hinweise und Besprechungen internationaler Publikationen. Sie bilden eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und ebenso für historiografische Fragestellungen: Welche Themen spielten beispielsweise in der Zeit des Erscheinens eine Rolle und warum war dies so? Es wäre auch zu untersuchen, wie Herausgeber- und Redaktionsgremium zustande kamen und gearbeitet haben, worüber allerdings die Beiträge weitgehend schweigen.
Der Verlag hat sich mit diesem Reprint große Verdienste erworben. Der Name "Verlag Olga Benario und Herbert Baum" wird als Programm verstanden.

Internationale Hefte der Widerstandsbewegung. Zeitschrift für Geschichte. Herausgegeben von der FIR (Féderation Internationale des Résistants). Analysen und Dokumente über den internationalen Widerstand gegen den Nazifaschismus. Heft 1-10, 1959 bis 1963. Offenbach: Verlag Olga Benario und Herbert Baum, 2002.

Kurt Schilde


Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11
Das neue Jahrbuch beschäftigt sich dem historischen und dem aktuellen Antisemitismus gleichermaßen. In seinem Vorwort verweist der Herausgeber und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, auf die Funktionalisierung antisemitischer Topoi in der Debatte um die Politik der israelischen Regierung hin: "Israelkritik wird als Tabubruch inszeniert und instrumentalisiert, als Vehikel zum Transport von Judenfeindschaft durch falschen Vergleich, konstruierte Parallelen oder beleidigenden Vorwurf."
In den Beiträgen geht es u.a. historisch um das Verhältnis von Antisemitismus und Antifeminismus in der völkischen Bewegung sowie um Antisemitismus in bürgerlichen und bäuerlichen Parteien und Verbänden in Schleswig-Holstein. Mit aktuellen Fragen befassen sich drei kritische Besprechungsessays zu Martin Walsers
Roman um den Großkritiker Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki sowie - mit der Person dieses Literaturkritikers zusammenhängend - zwei weitere Texte von Robert Neumann und Bodo Kirchhoff, in denen dieser als literarische Figur fungiert.
Mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands beschäftigen sich fünf Historikerinnen und Historiker. Zwei Aufsätze handeln von der "Fabrikaktion": Am 27. Februar 1943 begann eine massenhafte Verhaftung von in "Mischehe" lebenden Juden bzw. Jüdinnen und jüdischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern. Die bis dahin von der Deportation in ein Vernichtungslager bewahrt Gebliebenen kamen in provisorische Gefängnisse, u.a. in die beschlagnahmten Verwaltungsräume der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Vor dem Haus kam es zu Protesten gegen die Verhaftungen der eigenen Familienangehörigen.
Diese Aktion ist als "Frauenaufstand" in der Rosenstraße zum Synonym für die einzige volksoppositionelle Aktion in Deutschland gegen die Deportationen geworden. In dem Aufsatz von Wolf Gruner werden Fakten und Fiktionen untersucht und festgestellt: Vieles erweist sich als unbewiesene Behauptung. Übrig bleibt eine "Legende vom erfolgreichen Protest", aber gleichwohl ist festzuhalten: Individuelle Auflehnung gegen die Diktatur war möglich; es erforderte Zivilcourage, die verhafteten Angehörigen zu retten. Eine Opposition gegen die antijüdischen Maßnahmen hätte jedoch schon viel früher und breiter einsetzen müssen.
Mit diesem Aufsatz zusammenhängend wird anschließend von Beate Meyer auf die Inhaftierung "jüdisch Versippter" im Spiegel staatsanwaltlicher Zeugenvernehmungen in der DDR eingegangen. Die 1963 entstandenen Gesprächsprotokolle sollten ursprünglich für gegen die alte Bundesrepublik gerichtete Kampagnen dienen, in denen diese als Wirkungsstätte ehemaliger Nazis - Beispiel: Globke - diskriminiert werden sollte. Die Materialien befinden sich im Bestand der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes
der ehemaligen DDR.
Weiter wird auf den "Reisebericht" eines SS-Offiziers eingegangen, der 1934 in das damalige Palästina gereist war. Der Mann gehörte zu Kreisen des NS-Regimes, die bestrebt waren, die "Lösung der Judenfrage" auf dem Wege der Emigration nach Palästina zu propagieren. Der Bericht erschien ab 26. September 1934 als Artikelserie in der von Joseph Goebbels herausgegebenen Zeitung "Der Angriff" und zeigte durchaus Sympathien für zionistische Kreise im deutschen Judentum. Der Autor entwarf ein "idealistisches Bild der Juden in Palästina". Der Emigrationsansatz blieb bis zum Auswanderungsstopp und der gewaltsamen Vertreibung und dem Holocaust aber nicht viel mehr als eine Option.
Zu den historischen Beiträgen gehören noch zwei kleine Studien über die Rettung einer Berliner Familie im nationalsozialistischen Berlin und den Antisemitismus im Spiegel der Zeitung des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Schließlich thematisieren noch drei Beiträge die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, u.a. die Bedeutung von Auschwitz in der öffentlichen Meinung in Polen.
Das renommierte Jahrbuch für Antisemitismusforschung ist wie immer ein gelungenes Werk mit einem großen Spektrum an Themen und Ansätzen. Diese Ausgabe ist die erste, die im Metropol Verlag erscheint.

Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11. Herausgegeben von Wolfgang Benz. Berlin: Metropol Verlag, 2002.

Kurt Schilde


Antisemitismus in der Kleinstadt Konitz 1900
Am 11. März 1900 ereignete sich in Konitz, einer westpreußischen Kleinstadt, die heute zu Polen gehört, ein Mord. Nachdem einzelne Körperteile des 18-jährigen Gymnasiasten Ernst Winter gefunden wurden, entstand in dem Ort Unruhe und ein anschwellender Lärm judenfeindlicher Beschuldigungen. Plötzlich denunzierten "christliche" Nachbarn ihre jüdischen Nachbarn des Ritualmordes. "Nach dieser Legende, die erstmalig im Mittelalter dokumentiert ist, schlachteten die Juden vor dem Pessachfest Christenkinder auf rituelle Weise, um mit ihrem Blut Mazzen (ungesäuertes Brot) zu backen." Der Autor hat ein ganzes Kapitel der Geschichte der Ritualmordbeschuldigungen gewidmet.
Die Vorwürfe wurden in Konitz "gebetsmühlenhaft" und mit den absurdesten Anschuldigungen wiederholt. Es kam - zunächst noch sporadisch - zu Gewalttaten. Für den Autor wurde durch die Ereignisse ein latenter Antisemitismus manifest. Private Fehden und Streitigkeiten zwischen Nachbarn transformierten sich in blutige Verfolgungen.
Es bildete sich ein "Untersuchungskomitee", welches auf die polizeilichen Untersuchungen einwirken wollte, die Ritualmordvorwürfe ernst zu nehmen. Tatsächlich heizten die örtliche Polizei und Staatsanwaltschaft die Gerüchte an. So wurden christliche Dienstmädchen jüdischer Haushalte befragt, wo sich ihre Herrschaft zur Zeit des Mordes aufgehalten hatte. Nachdem eine mehrmals erhöhte Belohnung ausgesetzt wurde, meldeten sich obskure Zeugen, die sich daran bereichern wollten. Es kam zu mehreren Wellen judenfeindlicher Krawalle, die sich bald auch auf die umliegenden Orte erstreckten, und es gab Beschädigungen von Synagogen usw. Als sich auch noch die überregionale Presse und antisemitische Zeitungen mit täglich neuen Sensationsberichten einmischten, eskalierte die Entwicklung noch mehr. Für die jüdische Bevölkerung wurde ihre Heimatstadt zunehmend zu einem feindlichen Terrain. Zu ihrem Schutz mussten sogar Soldaten angefordert werden. Erst die militärische Besetzung der Stadt machte den gröbsten Formen der antisemitischen Gewalt ein Ende, auch wenn es weiterhin vereinzelt zu Unruhen kam.
Tatsächlich wurde der Mord nie aufgeklärt. Die polizeilichen Ermittlungen - für die sehr früh ein Sonderermittler aus Berlin eingeschaltet wurde - konnten nur die Ritualmordwürfe widerlegen. Ein falscher Autopsiebefund hatte von Anfang an der Legende vom Ritualmord Vorschub geleistet. Aufgrund der fachmännischen Zerteilung der Leiche wurde der Verdacht sehr schnell auf zwei Schlachter gelenkt, von denen einer jüdisch und der andere "christlich" war. Der nichtjüdische Schlachter reagierte auf die Verdächtigungen und Verhöre mit
einer "Eingabe des Fleischermeisters Gustav Hoffmann zu Konitz in der Winter'schen Mordsache", bei der wahrscheinlich ein antisemitischer Journalist die Feder führte. Zu den zwölf "Feststellungen" gehörte der Satz: "Ich behaupte, daß der Fleischermeister Adolph Lewy und sein Sohn Moritz bei der Ermordung des Winter anwesend und beteiligt waren." Die fantastische "Geschichte des Schlachters" wurde in Tageszeitungen und in einer Broschüre in 50.000 Exemplaren gedruckt und wird ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Der jüdische Schlachter konnte sich nicht so gut wehren; das hatte zur Folge, dass dessen Sohn Moritz Lewy zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, zwar nicht wegen dem Mord, sondern wegen Meineids und aufgrund inszenierter und boshafter Zeugenaussagen. Offensichtlich waren die Mitglieder des Geschworengerichts nicht willens oder in der Lage, objektiv zu urteilen. Nach zwei Jahren wurde der Gefangene begnadigt.
Die aufgrund von Archivalien verschiedener Institutionen rekonstruierten historischen Abläufe geben einen informativen Überblick, aber sie können nicht zu einen eindeutigen Ergebnis führen. Das Buch ist gut geschrieben, wie es für einen amerikanischen Historiker nicht ungewöhnlich ist. Mit der "Geschichte des Schlachters" ist eine wichtige Facette der Historiographie des Antisemitismus öffentlich geworden.

Helmut Walser Smith: Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt. Göttingen: Wallstein Verlag, 2002.

Kurt Schilde


Zuckermanns Tochter
Liesl Klein wurde 1901 in eine Zeit hineingeboren, die Stefan Zweig "Die Welt der Sicherheit" nannte. Weil ihr Vater zur Zeit ihrer Geburt nicht bei der Familie in Wien sein konnte, soll Großmutter Amalie Zuckermann ausgerufen haben: "Endlich wieder eine Tochter in unserer Familie! Und wenn der Vater sich nicht um seine Tochter kümmern kann, dann bist du Zuckermanns Tochter!" Liesl wuchs auf im kaiserlichen Wien, in luxuriösen Verhältnissen. Ihr Vater war Ingenieur, baute Brücken in Budapest, Prag, Sarajewo, und als Liesl zwei Jahre alt war, folgte die Familie dem Vater. Vom zehnten Lebensjahr lebte sie wieder in Wien. Liesl genoss eine ausgezeichnete Erziehung und Bildung, lebte in behüteten Verhältnissen und begeisterte sich früh für das kulturelle Leben Wiens, besuchte die Theater und Konzerte. Sie lernte Klavier spielen und studierte später Literatur und Musik an der Wiener Universität. Später arbeitete sie als Kindergärtnerin - ungewöhnlich für eine Frau mit ihrer Herkunft und sicher ein Zeichen für ihren Willen zur Emanzipation - als Frau und als Jüdin.
Liesl verliebte sich in den Gießener Maler Heinrich Will, der in Wien sein Studium beendete, heiratete ihn 1930 und zog mit ihm nach Gießen. Dort führte sie ein weitaus bescheideneres Leben als in ihrem Elternhaus. Die Eltern, obwohl sie zunächst gegen die Verbindung waren, unterstützten die Kinder finanziell. Elisabeth und Heinrich Will waren glücklich miteinander, bis die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und Heinrich Will immer stärker unter Druck gesetzt wurde, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. Er hielt jedoch treu zu ihr. Zunehmend verlief ihr Leben zurückgezogen - bis zu ihrer Verhaftung am 6. Februar 1942. Beide hatten dem "Freitagskränzchen" von Dr. Kaufmann angehört. Dort hörten sie gemeinsam Radio London, wurden denunziert und vom "Volksgerichtshof" in Darmstadt als "Rundfunkverbrecher" verurteilt: Dr. Kaufmann und Heinrich Will zum Tode, Elisabeth "Sara" Will zu sechs Jahren Zuchthaus. Am 19. Februar 1943 wurde Heinrich Will hingerichtet. Liesl Will wurde am 7. Dezember 1942 aus dem Zuchthaus Ziegenhain "nach Auschwitz entlassen" und dort ermordet.
Hans Adamo hat das Schicksal von Elisabeth und Heinrich Will bewegend beschrieben. Akribisch genau recherchiert er das Leben in Wien und Gießen; zahlreiche Selbstzeugnisse, Bilder und Dokumente bereichern die Ausführungen. Historische Zusammenhänge und Hintergründe werden fundiert erläutert.
Das gilt auch für die Herausbildung eines bürgerlichen Widerstandskreises in seiner Widersprüchlichkeit zu einer Zeit, als der antifaschistische Widerstand aus der Arbeiterschaft auch in dieser Region von den Nazis bereits zerstört war. Bemerkenswert sind auch die Schilderungen der Haftbedingungen im Frauenzuchthaus Ziegenhain, über die in dieser Konkretheit bisher wenig bekannt war. Das Buch wird mit einem Kapitel über "Täter und Gehilfen", insbesondere über den Staatsanwalt des "Volksgerichtshofs" Willi Harzmann abgeschlossen. Es wird dokumentiert, dass er an zahlreichen Todesurteilen beteiligt und bereits 1948 wieder als Staatsanwalt und Richter in Niedersachsen tätig war. Heute kaum vorstellbar, erhielt er 1953 ein Glückwunschschreiben des Ministerpräsidenten für 25-jährige "treue Dienste", wurden seine Besoldungsansprüche ab 1930 anerkannt, also einschließlich seiner Tätigkeit beim Mordinstrument "Volksgerichtshof".
Hans Adamo zeichnet nicht nur ein einfühlsames und eindrückliches Lebensbild einer ungewöhnlichen Frau, die das Schicksal so vieler Opfer des Holocaust in den Vernichtungslagern teilen musste, er lässt auch ein anschauliches und facettenreiches Bild der Zeit entstehen. Hans Adamo und seiner Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Gaby Rehnelt - beide sind auch viele Jahre Mitglieder des Studienkreises - ist es zu danken, dass das Schicksal von Elisabeth Will geb. Klein - Zuckermanns Tochter - vor dem Vergessen bewahrt wird.

Hans Adamo: Zuckermanns Tochter. Stärker als die Liebe war der Tod. Essen: Klartext, 2003.

Renate Dressen


Jugendwiderstand in Hamburg 1941/1942
Am 11. August 1942 geschah in der Geschichte der Nazijustiz etwas Außergewöhnliches: vier Hamburger Jungen zwischen 16 und 18 Jahren standen vor dem Volksgerichtshof. Nach siebenstündiger Verhandlung wurde der Hauptangeklagte, der 17-jährige Verwaltungslehrling beim Sozialamt der Stadt Hamburg, Helmuth Hübener, zum Tode verurteilt. Die Richter gaben eine Begründung dafür, warum sie erstmals einen Minderjährigen hinrichten lassen wollten:
"Hübener ... hat eine weit über dem Durchschnitt von Jungen seines Alters stehende Intelligenz gezeigt ... Auch die Überprüfung seines allgemeinen Wissens, seiner politischen Kenntnisse und seiner Urteilsfähigkeit sowie sein Auftreten vor Gericht und sein Gehaben ergaben durchweg das Bild eines geistig längst der Jugendlichkeit entwachsenen, frühreifen jungen Mannes ... Es lassen sich auch in dem Hergang der Tat keine Merkmale finden, die für die Tat eines noch nicht ausgereiften Jugendlichen sprechen. Damit war der Angeklagte wie ein Erwachsener zu bestrafen."
In der Zeit der "leichten Siege" Hitlerdeutschlands, von August 1941 bis Anfang 1942, verfasste Helmuth Hübener mehr als 20 Flugblätter, in denen gegen den Krieg und die Politik der NS-Diktatur Stellung genommen wurde. Kritisch setzte er sich mit Falschmeldungen der Nazipropaganda auseinander. Drei seiner Freunde halfen ihm bei der Verteilung der Flugblätter.
Anläßlich des 60. Jahrestages des Mordes an Helmuth Hübner am 27. Oktober 1942 erschien das Buch von Ulrich Sander über diese Widerstandsgruppe.  Der Autor befasst sich seit 1960 mit der Thematik. Er ist am besten dazu befähigt und berufen, die erste Gesamtdarstellung zur Tätigkeit der Helmuth-Hübener-Gruppe vorzulegen. Der Band bietet die bisher umfassendste Geschichte dieses Zusammenschlusses junger Gegner des NS-Staates. Berichtet wird über die Entstehung der Gruppe, die Motive zum Widerstand, die Anfertigung der Flugblätter, ihre Verbreitung und Wirkung. Neues wird auch zu den Biographien von Helmuth Hübener sowie seiner Freunde, dem im August 1942 16-jährigen Schlosserlehrling Rudolf Wobbe, dem 17-jährigen Verwaltungslehrling Gerhard Düwer und dem 18-jährigen Malergesellen Karl-Heinz Schnibbe geboten.
Darüber hinaus wird dokumentiert, wie sich die Öffentlichkeit in beiden deutschen Staaten zu diesem Teil des antifaschistischen Erbes verhalten hat. Beeindruckend ist, wie viel in den USA - im Staat Utah - getan wurde, um die Erinnerung an Helmuth Hübener und seine Gefährten wach zu halten. Nach 1945 fanden hier Karl-Heinz Schnibbe und Rudolf Wobbe eine neue Heimat. Sie waren wie Helmuth Hübener Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen).
Der besondere Wert des Buches liegt in seinem dokumentarischen Charakter. In mühsamer, über Jahrzehnte andauernder Kleinarbeit ist es dem Autor gelungen, alle zugänglichen
Quellen zu dieser Widerstandsgruppe zu sammeln und erstmalig in dieser Komplexität zu veröffentlichen. Besonders wertvoll sind die 58 Dokumente. Darunter befinden sich Texte bzw. Fragmente von 19 Flugblättern. Im letzten Teil wird auch der Frage nachgegangen, was mit den verantwortlichen Nazirichtern und ihren Helfern nach 1945 geschehen ist. Das Buch verdient viele Leser, besonders geeignet ist es für den Schulunterricht und andere Formen der Jugendarbeit.

Ulrich Sander: Jugendwiderstand im Krieg. Die Helmuth-Hübener-Gruppe 1941/1942. Bonn: Pahl-Rugenstein Nachf., 2002.

Karl Heinz Jahnke


Verfolgung und Widerstand am bayerischen Untermain
Viele lokal- und regionalhistorische Darstellungen und Dokumentationen zur Geschichte von Verfolgung und Widerstand im "Dritten Reich" wurden bereits vor geraumer Zeit vorgelegt. Das diesbezügliche historiografische Wissen hat sich seitdem aber erheblich erweitert. So wäre es mittlerweile generell angebracht, solche Werke einmal neu durchzusehen und ggf. zu überarbeiten, um sie auf den neuesten Stand der Forschung zu bringen. Wie lohnend dies sein kann, dafür ist Monika Schmittners Publikation ein überzeugendes Beispiel. Die Goldbacher Politikwissenschaftlerin mit Lehrauftrag an der Fachhochschule Frankfurt, die auch mit Untersuchungen zur Revolution von 1848, zur Geschichte der Metallarbeiter-Gewerkschaft sowie der Frauenbewegung am bayerischen Untermain hervorgetreten ist, hat ihre 1985 erstmals veröffentlichte Arbeit über Verfolgung und Widerstand 1933-1945 in Stadt und Land Aschaffenburg nun in dritter Auflage publiziert.
Sie hat diese aktualisiert, regional erheblich erweitert und um zahlreiche neue Zeitzeugenberichte und Forschungsresultate ergänzt. Die rundum solide, klug aufgebaute, stilistisch geschliffene und gut illustrierte Studie beruht auf der Auswertung z.B. der Lageberichte der Polizei- und Bezirksämter, ebenso zahlreicher Anklage- und Urteilsschriften und außerdem von über 5.000 personenbezogenen Gestapoakten, von denen weit mehr als 200 eingehend bearbeitet wurden. Eine thematische Straffung war unumgänglich, weshalb die Judenverfolgung hier nur exemplarisch gestreift werden konnte und der Einsatz von Zwangsarbeitskräften und Kriegsgefangenen ausgeklammert bleiben musste. Beide Komplexe sollen in separaten Publikationen behandelt werden. Es ist sehr zu begrüßen, dass Schmittner, die in ihrem Vorwort ohnehin jeder "Schlussstrich"-Debatte eine kategorische Absage erteilt, der NS-Forschung treu zu bleiben gedenkt. Einleitenden kritischen Reflexionen zu Widerstandsrezeption und Widerstandsbegriff - Schmittner favorisiert hierbei eine Kombination aus der strengen, auf rein politische Bestrebungen zielenden Definition und dem auch die diversen Oppositionsformen individueller und Gruppenaktivität erfassenden Resistenzbegriff - folgen Hinweise zu Forschungslage und -methode, zur Quellenlage, zu den sozioökonomischen und -kulturellen Hintergründen der Etablierung der faschistischen Diktatur am b